A New Gaze 2017

Eva O'Leary: Concealer

Von Urs Stahel

Eva O'Leary ist in einem kleinen Städtchen in Pennsylvania aufgewachsen. "Viel mehr als zwei Strassenzüge und eine grosse Kreuzung gab es da nicht", sagt sie im Gespräch, "abgesehen von einem riesigen Football-Stadion." Das Stadion ist in der Tat gigantisch, es gilt als drittgrösstes der Welt, mit 100'000 Fans bei Heimspielen. Das Städtchen wird Happy Valley genannt, obwohl es State College heisst, aber so glücklich, wie der Übername suggeriert, wird es wohl nicht immer sein. State College heisst das Grossdorf wegen seiner Universität, der Pennsylvania State University, die nebst dem Football Stadium der zweite grosse Campus in der Gegend ist. Das American Football Team wiederum heisst entsprechend kurz "Penn State", hier für Penn State Nittany Lions Football.

In ihrem Städtchen lernte Eva 0'Leary früh zu begreifen, dass nicht alles so ist, wie es zu sein scheint, dass es nicht eine Realität, sondern verschiedene Wirklichkeiten gibt, keine geschlossene einheitliche Wahrnehmung, sondern viele Aufsplitterungen. Zumindest zwei markante: die Werberealität, die alles als sicher, als gut, als schön, als perfekt funktionierend und das Leben bereichernd darstellt, und die Wirklichkeit nach dem Spiel, nach dem Rausch, wenn der normale Alltag wieder übernimmt, den sie als Kind Tag für Tag erlebt hat, wenn die Farben der Cheerleader verblassen, die Werbeplakate verknittern, das Triste allmählich wieder aus dem Boden, den Häusern, aus den Köpfen dampft. Ihre Mutter ist Irin, ihr Vater Amerikaner, entsprechend pendelte sie oft zwischen den beiden Ländern hin und her, mit zwei Pässen, zwei Identitäten, zwei Fundamenten im Gepäck. Zum Beispiel mit dem einfachen Lehrsatz ihrer Mutter im Ohr – "If you can't make it, you can't have it" – und dem Gambeln der irischen "Celtic Tiger"-Ökonomie, der rasend schnell sich entwickelnden Wirtschaft der Neunzigerjahre, vor Augen, die Irland für eine Weile ins Hoch und dann in den Abgrund getrieben hat. Auch hier zwei Realitäten, zwei Massstäbe, zwei Wahrheiten, die alte, stabile, arbeitsethisch verankerte gegenüber der neuen, finanzkapitalistisch angetriebenen, sich ständig beschleunigenden Realität.

Die Titelwahl zeigt, wie intensiv sich 0'Leary mit dieser – körperlichen und mentalen – Zweiteilung des eigenen Ichs, der eigenen Persona beschäftigt. Sie schrieb selbst dazu:

  

"No matter how much I object politically or artistically to the rhetoric of commercial photography, I am seduced by its tricks—the ways it sweetens the body and the landscape, masks the unpleasant, and transforms beauty and desire into myth. From a young age, this kind of imagery taught me to suppress my desires, values, personality, and flaws. It's an experience common to many women; we are shaped by ideologies of domination and control within contemporary commerce; projecting fantasies onto our bodies that are not our own. I see my work as an alternate propaganda, one in which I take on the language of commercial photography in order to arrive at something darker. Self-tanner becomes a creeping rash, tattoos are strange and inscrutable, and a body of water engulfs a human body through the glittery trick of a lens."

  

Um ihr künstlerisches Ziel in diesem Projekt zu erreichen, lässt sie sich einerseits auf das "Selfie" ein, auf die permanente öffentliche Selbstdarstellung, in der wir uns immer wieder neu stilisieren und freiwillig ein die eigene Realität übersteigendes, leuchtendes, oft auch prahlerisches Bild entwickeln. Im Internet gefundene Selfie-Videos vergrössert sie zu imposanten, rahmenlos aufgezogenen, fast abstrakt wirkenden Farbflächen, und sie montiert sie auch zu einem optischen Blitzlichtgewitter, das schmerzlich die Fotografierten und die Wahrnehmungskraft der Betrachter ausradiert – eine Art von Blendung, wie wir sie durch die Stroboskopblitze in Clubs und Diskotheken erfahren. Dieser Teil der Arbeit insinuiert ein Überdrehen der Selbstdarstellung, bis sie sich selbst auslöscht, sich selbst eliminiert.

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Mirror Selfie 4, 2016

  

Eva O’Leary, Ava, 2017
Ava, 2017

In einem zweiten Teil gibt sie einigen Personen die Möglichkeit, sich selbst zu "kuratieren", sich selbst im Studio in Szene zu setzen. In der Ausstellung sehen wir neun Spiegel-Porträts, fotografische Bildnisse von jungen Frauen, die sich vor einem Spiegel so herrichten und installieren, wie sie sich selbst gerne sehen und gesehen werden wollen. Eva O'Leary fotografiert sie dann durch den von der anderen Seite durchlässigen Spiegel hindurch. Wir Betrachter stecken also quasi im Spiegel drin und schauen zu, wie ein Selbstbild in Selbstkontrolle allmählich hergerichtet und öffentlich gemacht wird. Im Gegensatz zu den Flash-Selfies wirken diese Porträts mit ihren leuchtenden tiefblauen Hintergründen wie eine fotografische Reinkarnation von altmeisterlicher Repräsentation. Auch damals ging es ja oft mehr um die Darstellung des Standes, des Ranges in der Gesellschaft, als um eine genaue Wiedergabe der individuellen Gesichtszüge. Eva O'Leary schreibt dazu:

  

"My own experiences are at the center of my practice, and I source many of my images through vernacular photography of women's daily lives and rituals, which are collected in Instagram hashtags, Facebook albums, and homemade beauty tutorials. (…) Everywhere around me I see surfaces—skin, billboards, cake icing, photographic prints—that project fantasies. My work aims to address the psychological space in which men and, in particular, women must balance the ever-present reality of imagery that is insistently, but seductively, unreal."

  

Der dritte und umfangreichste Teil ihres Projekts mischt Landschaftsfotografie mit Porträtfotografie, und beschäftigt sich darin mit den komplexen Strukturen unserer Realitäten: wie sich die verschiedenen Versprechen und Forderungen und Kontrollen an Realitäten vermengen und verhaken. Hier bewegt sich Eva O'Leary in der Doppelrolle als Dokumentaristin und Choreografin durch die Welt und fotografiert zum Beispiel ein Baby, das schreiend auf einem Spiegel liegt, zwei Jungen, der eine gross und mächtig, der andere klein und dünn, die sich Rücken an Rücken gelehnt stützen, daneben ein Plastikbecher, der mit wenigen Schnitten aufgeschlitzt und unbrauchbar gemacht worden ist, ein Gesicht, das nur halbseitig geschminkt ist, ein Fuss in High Heels, der noch Abdrücke, Einprägungen von anderen Schuhen zeigt, ein übersteigert gestählter und gebräunter Männerkörper, Gesichter, die sich verdoppeln, die sich hinter einem feinen Vorhang von roten Haaren verbergen, die dem Ankömmling, der Fotografin, mit Skepsis begegnen. Geborgenheit versus Ausgesetztsein, fragil versus mächtig, eiskalt versus elektrisch geladen, eigen- versus fremdbestimmt, Bild versus Realität und so weiter: O'Leary fächert hier ein Feld von Gegensatzpaaren auf, die doppelte, dreifache, mehrfache Bedeutungen suggerieren. Nochmals die Künstlerin selbst:

Eva O’Leary, Babysitting, 2014
Babysitting, 2014
 
Eva O’Leary, 2 faced girl, 2016
2 faced girl (if you’re going to be two faced at least make one of them pretty), 2016

  

"We are living in an alienating and impersonal world, where technology offers unlimited connection yet leaves us more isolated than ever. In recent years, the western world has valued linear thinking and concrete logic over all else. Capitalism has encouraged this; we see ourselves in relation to what we are sold. The brands we align ourselves with, and the products we choose to buy are the new markers of our lives. To survive, it has become necessary to craft two identities; one public, with all of the slickness of advertising, the other private, with all the mess of feeling. We keep the world at a distance, carefully curating our public identity."

  

Eva O’Leary, Body Builder, 2015
Body Builder, 2015

Darin steckt auch das Versprechen von Technologie und Markt: dass all die Produkte, die wir kaufen, uns Sicherheit bringen werden. Wir erwerben Produkte für die Gesundheit unserer Familien, Kleider für soziale Repräsentation, Medizin für die Stimmungskontrolle, immer mit dem Ziel, uns funktionstüchtig zu erhalten und uns Sicherheit zu geben. Aber natürlich wissen wir alle, dass das zu einem Teil reine Illusion ist. Wir alle fühlen uns immer wieder unsicher. Depressionen und Angstzustände nehmen ständig zu. Um zu überleben, schaffen wir uns zwei Identitäten: eine öffentliche, die smart, stilsicher und erfolgreich erscheint, und eine private Identität, in der wir das Durcheinander der Gefühle, die Grenze zwischen Sicherheit und Unsicherheit turbulent durchleben.

  

Mitten in Gemeinschaften, die sich auflösen, mitten in der Mobilisierung, Globalisierung des Lebens, der Pulverisierung der Substanz zugunsten der Erscheinung, der Inhalte zugunsten der Zeichen, der Seele zugunsten des richtigen "Brands", mitten auch in den merkwürdigen Versuchen, neue imperiale Weltordnungen zu etablieren, stehen wir vor einem individuellen und gesellschaftlichen Identitätsscherbenhaufen, den käufliche Waren und Identitäten nur noch kurzfristig farbig beleuchten können. Nicht alle begreifen und leben die Gegenwart als Party-Time, nicht alle unterwerfen ihre Existenzfrage dem blanken Zynismus, das Aufblühen von fundamentalistischem Gedankengut in vielen Gesellschaften ist ein alarmierendes Zeichen dafür. Wir wurden aus angestammten Ordnungen in eine offene Welt entlassen – einiges davon empfinden wir freudig als neue Freiheit, anderes erleben wir ängstlich als Verlust, Zwang, als Auflösung ins Chaos hinein. Neue Bojen der Orientierung und neue, vernünftige und tragende Plattformen sind noch kaum in Sicht.

Mit diesem Projekt stach Eva O'Leary aus den übrigen Eingaben heraus und überzeugte die Vontobel-Kunstkommission. Wir freuen uns, in der Ausstellung bei Vontobel und in diesem Katalog das hervorragende, dichte Resultat der jungen amerikanischen Künstlerin präsentieren zu dürfen.

  

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Urs Stahel

Urs Stahel berät die Vontobel-Kunstkommission.

Als Mitbegründer des Fotomuseums Winterthur hat er einen der weltweit wichtigsten Orte für die Fotografie geschaffen und ihn 20 Jahre lang geleitet. Seit 2013 ist er als freier Kurator, Dozent und Herausgeber von zahlreichen Büchern über Fotokünstler aktiv.

Foto: © Yvonne Vogel